In Barcelona leben aktuell mindestens 2.171 Menschen auf der Straße – ein Anstieg von 44 Prozent binnen eines Jahres. Diese Zahlen stammen aus einer aktuellen Umfrage, die die Stiftung Arrels gemeinsam mit 15 weiteren Organisationen durchführte. Ziel der Befragung war es, die Lebenssituation, die Hintergründe und Bedürfnisse der obdachlosen Bevölkerung in der katalanischen Hauptstadt genauer zu erfassen.
Zwischen Dienstag und Mittwoch dieser Woche interviewten rund 400 freiwillige Helfer etwa 700 obdachlose Männer und Frauen. Die Befragungen fanden unter anderem in der Pfarrkirche Santa Anna statt, einem Anlaufpunkt für viele Menschen ohne festen Wohnsitz. Dort wurde auch David Jiménez befragt, ein 22-jähriger Kolumbianer, der nach der Flucht vor einer Guerillagruppe in seiner Heimat vor acht Monaten in Barcelona strandete. „Ich war Soldat in Kolumbien, dann musste ich weg“, erzählt David. Sein Pass wurde ihm kurz nach der Ankunft in Barcelona gestohlen, ebenso wie sein Handy – ein Schicksal, das viele obdachlose Menschen teilen.
David verdient sich mit seinem alten Beruf etwas Geld: Er schneidet anderen Obdachlosen die Haare. Mit seinem Rollbrett und einer Tasche voller Friseurwerkzeuge ist er in der Stadt unterwegs. „Ich schneide das Haar von Leuten auf der Straße“, sagt er. Auch Sebti Naceur, ein 61-jähriger Tunesier, der seit sechs Monaten in Barcelona lebt und ebenfalls auf der Straße schläft, wurde interviewt. Er kommunizierte mit Hilfe eines Übersetzungsprogramms auf dem Handy. Sebti hat in Frankreich und Madrid gearbeitet, bevor er in Barcelona landete. Beide Männer sind Teil eines größeren Problems, das die Stadtverwaltung vor große Herausforderungen stellt.
Die offizielle Statistik des städtischen Dienstes für Obdachlosenhilfe (Sassep) bestätigt die dramatischen Zahlen: Im Mai 2026 wurden 2.171 Personen ohne festen Wohnsitz gezählt, 231 mehr als im April. Die meisten Betroffenen sind Männer (92 Prozent), Frauen machen nur rund acht Prozent aus. Altersmäßig dominieren die Gruppen zwischen 31 und 50 Jahren. Die Zunahme der Obdachlosigkeit ist ein alarmierendes Signal, das die sozialen Dienste und Hilfsorganisationen zunehmend belastet.
Die Umfrage von Arrels erfasst nicht nur die Anzahl der Menschen auf der Straße, sondern auch Details zu deren Lebensgeschichten, Aufenthaltsstatus und aktuellen Bedürfnissen. So gaben viele an, keinen festen Wohnsitz zu haben, viele sind nicht in Spanien gemeldet (nicht „empadronado“), und ein großer Teil befindet sich im Prozess einer außergewöhnlichen Regularisierung, um ihren Aufenthaltsstatus zu legalisieren. Die Befragung fragt auch nach Kindheitserfahrungen, Gewalt und anderen sozialen Faktoren, die zur Obdachlosigkeit beitragen.
Inmaculada Hernández, Koordinatorin eines sozialen Teams des Projekts Hogar Lázaro in Barcelona, beteiligte sich erstmals an der Umfrage. Sie sieht in der Datenerhebung eine wichtige Grundlage, um gezielter helfen zu können. „Wir wollen verstehen, wie wir die Menschen besser unterstützen können“, sagt sie. Die Ergebnisse werden in den kommenden Wochen ausgewertet und in einem Bericht zusammengefasst, der Vorschläge für künftige Maßnahmen enthalten soll.
Für deutschsprachige Bewohner und Besucher Barcelonas bedeutet die steigende Zahl obdachloser Menschen, dass soziale Herausforderungen in der Stadt wachsen. Wer als Tourist unterwegs ist, trifft immer öfter auf Menschen, die auf der Straße leben oder in Notunterkünften Unterstützung suchen. Für Auswanderer oder Expats, die hier leben, sind die Entwicklungen ein Hinweis auf die soziale Lage und die Notwendigkeit von Engagement und Unterstützung durch lokale Initiativen.
Die Situation in Barcelona illustriert ein Problem, das viele Großstädte weltweit kennen: Die Zahl der Obdachlosen wächst trotz verschiedener Hilfsangebote. Die Erhebung von Arrels bietet erstmals umfassende Daten, um die Ursachen besser zu verstehen und gezielte Hilfe zu planen. Das Engagement von Freiwilligen und Organisationen wie Arrels zeigt, dass die Stadtgemeinschaft nicht tatenlos bleibt, doch die Herausforderungen bleiben groß und erfordern kontinuierliche Aufmerksamkeit und Ressourcen.
Quelle: lavanguardia.com
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